Auf der Einkaufstraße wimmelt es von Handyläden, guten Klamotten-Shops. Alles so modisch, dass ich mir schon nicht mehr trauen würde es anzuziehen. Es gibt Fast-Food-Läden und sogar Capuccino. Die Frauen Tragen Kostüme anstatt Kopftücher und die Autos sind die Größten, die ich in der ganzen Türkei bisher gesehen habe.
Willkommen in Van.
Vielleicht 70 Kilometer vor der iranischen Grenze und knappe 150 Kilometer entfernt vom Mount Ararat, wo vor ein paar Monaten drei Deutsche entführt wurden. Seither warnt das Auswärtige Amt vor Reisen in die Region Van: Wo einmal wer entführt wurde, ist das ab sofort bestimmt immer so. Beamtenlogik. Bei der Reiseplanung war mir trotzdem recht mulmig beim Gedanken an diese Ecke.
„In Van gibt es viel böses Geld“ meint der Immobilienmakler, der uns mal eben kurz zum Bahnhof fährt. Er ist der Mann einer Lehrerin, die wir vor ihrer Schule nach dem Weg gefragt haben. „Hier leben zu viele von Drogen und Schmuggel. All das Zeug aus Afghanistan und Iran kommt über Van nach Europa.“ Meint er. Für ihn ist das sicher nicht schlecht: Mit den Einkommen steigen auch die Immobilienpreise. Woher das Geld kommt, ist dann relativ egal.
Am Bahnhof klärt er für uns alles, was unsere Tickets angeht, sagt uns, wann unser Zug fährt und was es kostet. Nach fünf Minuten sind wir fertig, steigen in seinen neuen Golf und fahren zurück in die Stadt. „Das ist das Auto von einer Frau“ meint er stolz, „ich fahre einen Mercedes Kompressor:“ Anna-Lena meint nur, dass Männer doch überall gleich sind und ich denke mir, dass ihm das ganze böse Geld sicher gar nicht so unrecht kommt.
Böses Geld hin oder her: In der Stadt merkt man davon nicht viel. Es ist einfach angenehm hier. Die Menschen sind im vergleich zum Rest der Türkei ziemlich modern und die Uni hat viele Studenten gebracht. Umringt von Bergen ist Van auch landschaftlich richtig schön. Ich habe hier einfach das angenehme Gefühl, dass wir als Gäste akzeptiert sind. Nicht als Touristen, sondern wirklich als Gäste. Wir können uns hier ganz normal bewegen, werden ab und zu freundlich angesprochen oder auf einen Tee eingeladen und das war’s dann auch. Die meisten Zeit lächelt man uns freundlich zu und lässt uns in Ruhe.
Da stört es auch wenig, dass die meisten Häuser in Van eher hässliche und zweckmäßige Neubauten sind. Wirklich neu zwar auch nicht, aber zumindest ganz weit weg vom Kulturgut und genauso weit weg vom Charme anderer türkischer Städte.
Das einzig kulturell wertvolle ist eine alte und riesengroße Burg, etwas außerhalb. Zu Fuß locker eine Stunde vom Zentrum entfernt und auch schon ein Stück hinter den letzten Vororten. Dem Parkplatz nach zu urteilen, lockt die Burg im Sommer einige türkische Touristen an.
Der andere Grund nach Van zu kommen ist für viele das Büro der UN. Europäische und türkische Touristen lockt das sicher weniger, dafür aber inzwischen fast 5000 Iraner. Mit einigen von ihnen sind wir auf der Straße ins Gespräch gekommen. Für mich überraschend wollte kein einziger nach Europa, sondern alle nach Kanada. Dafür brauchen sie aber erstmal ein Visum – und das gibt’s bei der UN in Van. Vielleicht.
Vom Doktor über den Postmitarbeiter und die Lehrerin haben sie alle eines gemeinsam: In den Iran können sie nie wieder zurück. Dort würde man sie töten – behaupten sie zumindest.
Eine richtig schöne Begründung, warum er nach Kanada und nicht nach Europa will, hat mir ein Arzt geliefert:
„Wir Iraner kommen aus einer alten Gesellschaft. Wir sind aufgewachsen mit viel Kultur und Geschichte. Ihr in Europa seit genauso: Ihr habt Eure Kultur und Eure Geschichte. Wir sind kein Teil Eurer Kultur und wären niemals Teil Eurer Geschichte. Wir wären Euch immer fremd.
Kanada ist Jung, die haben keine Geschichte. In Kanada können wir mitmachen, wir können alle zusammen die Geschichte aufbauen. Da sind wir keine Fremden, weil es den Kanadier und seine Geschichte noch überhaupt nicht gibt“
Anna-Lena und ich sind dann mal lieber einen Capuccino trinken gegangen, haben ein bisschen nachgedacht und uns ein bisschen gefreut: Dass wir aus Europa kommen, unsere eigene Kultur und unsere eigene Geschichte haben. Und dass wir nur nach Van gekommen sind, um danach in den Iran weiterzureisen – einfach nur als Touristen, um uns deren alte Kultur kurz anzuschauen…