Der indische Führerschein
Montag, 9. Februar 2009 | Autor: Steffen (2MenschReise)
Der Weg zur Uni macht wach: Schlaglöcher, Autos, Motorräder und Rikschas. Ich mittendrin mit meinem Teufelsroller. Das Ding springt zwar morgens nur noch mit Antreten an aber was soll’s: Er geht wie Hölle! Soweit alles gut. Bis auf das Ding mit dem Führerschein. Ich habe keinen und bisher ist das auch gut gegangen. Indische Polizisten sind sehr freundlich und wenig interessiert an einem Ausländer auf einem schrabbeligen Roller. Den Führerschein hätte ich trotzdem gerne.
Also ab zur Fahrschule und erkundigen: Auto und Motorrad kosten zusammen etwa 25 Euro; ganz offiziell und ohne Tricks, Bestechung und Hilfsgelder. Erstmal bekomme ich eine Learners Licence, mit der ich ein halbes Jahr rumfahren darf. In 30 Tagen gibt’s dann den endgültigen Führerschein. Klingt gut.
Heute war ich dann also im “Regional Transportation Office” um meinen Test für die Learners License zu machen. Ich habe keine Ahnung von indischen Verkehrsregeln, kenne meinen Fahrlehrer seit fünf Minuten und er weigert sich irgendwelche Fragen zu beantworten: “No Problem!” Auf dem Parkplatz der Führerscheinstelle drückt er mir dann doch einen kopierten Zettel mit Verkehrszeichen in die Hand: “You have to learne this. No Problem!” Auf dem Weg ins Büro bringt er mir die indischen “Blinker-Handzeichen” bei:
Ausgestreckter rechter Arm; Handfläche nach vorne = Rechts abbiegen.
Arm in gleicher Haltung; linksherum kreisend = links abbiegen.
Handfläche nach unten; Arm auf und ab bewegen = Bremsen.
Ausgestreckter Arm nach oben; Handfläche nach vorn = Anhalten.
OK! Hab ich! Kann ja nichts mehr schiefgehen. Ab geht’s ins Prüfungsbüro.
Hier sitzen schon 30 andere und ich setze mich dazu - warten. Langsam bin ich sogar ein bisschen aufgeregt: Immer noch keine Ahnung von indischen Verkehrsregeln und keine Ahnung, was auf mich zukommt. Der zeitunglesende Beamte am vorderen Ende des Raums ruft ab und zu mal jemanden auf. Ich warte. Dann ist’s so weit: “Steffen” - “That’s me! Good morning Sir!” Sein Job ist es aber lediglich, zu prüfen ob ich ich bin. Er fragt also nach dem Namen meines Vaters, nach meinem Geburtstag und meiner Adresse. Er gleicht die Antworten mit dem Fragebogen ab, den ich selbst ausgefüllt habe. Meine indische Adresse weiß ich zwar nicht aber er ist trotzdem zufrieden und gibt seine Unterschrift: Steffen ist Steffen und hat den ersten Test bestanden.
Hinsetzen und weiter warten. Mein Fahrlehrer kommt plötzlich ganz aufgeregt an und ich muss mitkommen. Ihm ist gerade eingefallen, dass er mir nie gesagt hat, was ich im Falle eines Unfalles machen muss. “If you have an accident - you call the police!!!” OK?! Auch das habe ich verstanden. Er sagt mir noch, dass ich auf Brücken nicht anhalten darf und an Bahnübergängen immer erst aussteigen muss und gucken, ob ein Zug kommt. Aha.
Hinsetzen und weiter warten. Seit der Panikattacke meines Fahrlehrers bin ich wirklich nervös. Immerhin ist das hier eine Führerscheinprüfung - eine ganz offizielle. Ich bereue es schon, mir den Lappen nicht einfach gekauft zu haben. Angebote hatte ich.
Beim nächsten Aufruf ist es so weit: “Steffen”. Ich muss zum Prüfer. Zusammen mit einem kleinen Inder, der noch viel aufgeregter ist als ich. “Good morning Sir” rufen wir gleichzeitig und Sir ist prompt unzufrieden mit uns. Sein Schreibtisch steht ziemlich verlassen in einem Raum mit locker 100 Quadratmetern. Nur wir beiden Prüflinge stehen scheinbar falsch davor. Sir dirigiert mich ein Stückchen nach links, meinen indischen Leidensgenossen etwas nach rechts. Noch kurz nachkorrigieren und alles ist zu seiner Zufriedenheit.
Der Ausländer wurde natürlich zuerst geprüft: Sir hat mich gefragt, wie es mir in Indien gefällt, ob ich denn schon am Strand war und ob die Inder denn auch alle schön lieb zu mir sind. Wir haben noch ein bisschen über Touri-Abzocker in Delhi und den Verkehr und die schönen Autos in Deutschland palavert. Er meinte in Indien muss ich beim Fahren immer “open minded” sein und aufpassen, dass ich nicht auf der falschen Seite fahre. Ganz zum Schluss hat er doch noch die Tafel mit den Verkehrsschilder rausgeholt: “Die musst Du auch kennen. Wichtig!”
Gefragt hat er mich nichts! Indische Arm-Abbiege-Kunststücke musste ich auch keine Vorführen und bei der Verabschiedung meinte er freundlich, dass ich das Schwierigste heute geschafft habe. Um in 30 Tagen meinen endgültigen Führerschein zu bekommen, gilt’s nur noch “fehlerfrei” einen Kreis im Hof der Führerscheinstelle zu fahren. Auto und Motorrad muss ich aber selbst mitbringen.
No Problem
Hier gibt’s übrigens eine indische Therorieprüfung, wie sie wohl ablaufen sollte. Theoretisch.



Montag, 9. Februar 2009
Na dann herzlichen Glückwunsch zur bestandenen Prüfung.
Und, wollte ich eh mal lange schon sagen: Danke euch beiden für die vielen schönen Beiträge!
Montag, 9. Februar 2009
Ist dieser Führerschein dann eigentlich in Deutschland anerkannt??
Wie dem auch sei: Herzlichen Glückwunsch!! Endlich auch unter der fahrenden Bevölkerung ; ))
Montag, 9. Februar 2009
Na, da hoffe ich, dass Du in Indien nur gute “Erfahrungen” machst. Hat Anna-Lena eigentlich einen Führerschein? Wenn Du zurück bist, machen wir dann ein Fahrer-Erlebnis bei Jochen Schweizer, z.B. Hummerfahren im Gelände?
Montag, 9. Februar 2009
Hallo Steffen,
ich gratuliere auch, Indien ist doch immer wieder wunderbar, oder? Natürlich nicht nur aber wo ist es das?
Und dann wollte ich mich auch bedanken, bei euch beiden, für die vielen schönen, unterhaltsamen, psychologisch recht tief blicken lassenden, und und und
Artikel.
Lasst es euch gut gehen,
es ist mir eine Freude euch mit zu bekommen.
Dienstag, 10. Februar 2009
Hi Steffen,
und warum hat keiner der Inder “only for you” gesagt, oder verschweigst du uns etwas?
Ich musste sehr lachen wie du immer aufgeregter wurdest und zum Schluss war´s ja nicht schlimm.
100qm für eine Person? Haben die noch nicht genug Bevölkerung?
Gruß
RRichter
Dienstag, 10. Februar 2009
100 qm bekommt man schon mal, wenn man wichtig ist. Und die Jungs in der Zulassungsstelle sind wichtig - und korrupt.
Der Führerschein ist in Deutschland übrigens nicht wirklich gültig. D.h. ich darf damit in D noch 6 Monate rumfahren; ich kann damit einen deutschen beantragen, muss dafür aber die theoretische und praktische Prüfung machen. Fahrschule und Zwangsunterricht fällt weg. Alles unter der Bedingung, dass ich länger als 185 Tage im Ausland war.
Mir ist heiß!
Steffen
Dienstag, 10. Februar 2009
hallo steffen, danke dafür, dass ihr doch nicht müde geworden seid, denn diese license-story ist doch wirklich klasse. viel spass beim slalom um die kühe, oder ist das heute passe´?
dicki